andreas steiner photography
 

Angesicht(s) des Ekels

Wir scheinen in ekligen Zeiten zu leben: Man ekelt sich über Präsidenten, man verschickt grausige Bilder aus der Massentierhaltung, man ekelt sich vor den Gerüchen aus der Küche der ausländischen Nachbarsfamilie, ein Taxifahrer ekelt sich vor dem Kind der schwarzen Fahrgäste von gestern, eine Frau ekelt sich an der einen verschimmelten Tomaten in der grossflächigen Gemüseauslage eines Detailhändlers, wir ekeln uns vor der erzwungenen Nähe und dem Geruch von Fahrgästen in der überfüllten S-Bahn im Sommer.

Ekel ist eine starke und negative Emotion mit oftmals sogar körperlichen Reaktionen (z.B. Brechreiz). Aus der Psychologie weiss man, dass Ekel zu grossen Teilen angeboren und unabhängig von Kultur und Erziehung ist. Ekel ist eine psychologische Abwehrreaktion auf gewisse Substanzen und Objekte, denen gemeinsam ist, dass sie potentielle Herde für Krankheiten und Infektionen darstellen. In diesem Sinne hat der Ekel eine biologische Funktion, die uns vor Krankheiten oder gar Tod
zu schützten versucht.

Das Wesen des Ekels ist somit höchst ambivalent: was wir als negatives Gefühl wahrnehmen, hat eine positive, lebensbewahrende Wirkung. Es wäre somit falsch gegen Ekel anzukämpfen oder ihn sogar überwinden zu wollen. Gilt das auch für den aus der Forschung bekannten "moralischen Ekel"? Denn aus neueren Untersuchen weiss man, dass auch Erfahrungen von Ungerechtigkeit und Unfairness Ekelreaktionen vergleichbar mit jenen für eine vergammelte Banane hervorrufen. Ist moralischer Ekel der Hüter des sozialen Körpers oder am Ende doch nur eine starke emotionale Macht, die die Vernunft bedroht, wie es Immanuel Kant befürchtete?

"Angesicht(s) des Ekels" sind Fotoarbeiten zum Phänomen Ekel. Es ist ein Thema, auf das ich Ende 2019 gestossen bin, und dass mich wahrscheinlich noch länger beschäftigen wird.

 
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