Die Sache mit den Tätowierungen

 

Tätowierungen und andere Körpermodifikationen sind grundsätzlich eine interessante Angelegenheit, siehe dazu den Eintrag Body-Modification auf Wikipedia. Wie ein Besuch im Hallenbad oder nur schon ein Blick ins Strassenbild zeigt, sind Tätowierungen im Moment extrem angesagt. Trotzdem sind Tätowierungen bei Fotomodellen verpönt und ich persönlich gehe ihnen bei vielen Fotoarbeiten bewusst aus dem Weg. Wieso das? Denn “hassen” tue ich Tätowierungen eigentlich nicht. Hier ein paar Gedanken zum Thema Tätowierungen und Fotografie aus meiner Perspektive…

  • Das Gestalten von fotografischen Bildern hat sehr viel mit Muster und Strukturen zu tun. Tätowierungen sind grafische Strukturen, die auf Bildern aber oft nur stören. Siehe die untenstehende Fotomontage mit Audrey Hepburn, in der das Tattoo nicht zum grafischen Aufbau und Styling des Bildes passt. Tätowierungen wirken für mein fotografisches Auge oft wie Stromleitungen inmitten einer schönen Landschaft.
  • Fotomodelle sind “Modelle“. Dies bedeutet, dass man vor der Kamera “für etwas steht” respektive “etwas repräsentiert”, das meistens nichts mit der Person selber zu tun hat. Da Tätowierungen oft persönliche Geschichten zugrundeliegen oder Ausdruck des persönlichen Geschmacks/Stils sind, ergeben sich schnell Konflikte zwischen dem Bildkonzept des Fotografen und den Tätowierungen des Modells. Grundsätzlich gilt: wer seine Karriere als Fotomodell verkürzen oder seine Gage reduzieren will, der soll sich unbedingt und grossflächig tätowieren lassen.

  • Tätowierungen sind eine Modeerscheinung. Die allermeisten Tätowierungen werden wir in ein paar Jahre belächeln (und dann viel Geld und Schmerzen aufbringen um sie zu entfernen), genau wie wir heute über das sogenannte “Arschgeweih” schon schmunzeln. Bei den meisten meiner Bilder geht es um eher zeitlose Themen. Ich habe wenig Lust in fünf Jahren nochmals diverse Bilder neu zu fotografieren, daher vermeide ich Tätowierungen bei der Umsetzung gewisser Bildideen bewusst.
  • Es stimmt, dass Tätowierungen in Photoshop retouchiert werden können. Jeder in Photoshop geänderte Pixel senkt jedoch die Qualität des Bildes, ganz zu schweigen vom Arbeitsaufwand der Retouche selber (meistens macht ja nicht das Modell die Retouche). Es ist auch korrekt, dass man sich bei den Aufnahmen schon darauf achten kann, ob Tätowierungen sichtbar sind oder nicht. Dies schränkt aber die möglichen Posen unnötig ein.
  • Bei Portraits ist die Situation grundsätzlich anders:  unter Umständen sind Tätowierungen ein relevanter Teil des Erscheinungsbildes einer Person; dann will man natürlich die Tätowierungen genau zeigen. Oft geht es aber genau nicht um Portraits in der Fotografie, sondern um Rollenspiele.
  • Ebenso gibt es Aufnahmesituationen, in denen man genau Modelle mit möglichst vielen Tätowierungen braucht. Diese nennt man “Alternative Models” und haben selbstverständlich ihre Daseinberechtigung. Allerdings ist dies eine recht kleine und nicht sehr entwicklungsfähige Nische, also nicht wirklich interessant für Fotomodelle mit Ambitionen am Anfang ihrer Karriere.
  • Tätowierungen und andere Körpermodifikationen sind eigenständige “Kunst am Körper“. Fotografie kann in diesem Zusammenhang dokumentieren, genauso wie ja Fotos von Bildern, Skulpturen und anderen Kunstwerken zu Dokumentationszwecken gemacht werden. Bei den meisten Bildkonzepten in der Fotografie geht es aber nicht um die Dokumentation von Körperkunst.

Ich habe persönlich schon zu viele Gespräche miterlebt, in denen ganz unterschiedliche Auffassungen von Fotografie und Tätowierungen aufeinanderprallten und man sich in Missverständnissen verstrickte. Dies ist eigentlich unnötig. Es geht  nicht darum, ob man nun “für” oder “gegen” Tätowierungen ist. Wichtig ist, dass eine Übereinstimmung besteht zwischen Modell resp. dessen Tätowierungen und dem beabsichtigten Bildkonzept: Manchmal passen Tätowierungen, oft aber nicht.